Krisenmanagement im Einzelhandel

Veröffentlichung im Fachmagazin P&G Porzellan & Glas 11/08

Der Einzelhandel wird seit Jahren als schwierige und krisengeschüttelte Branche bezeichnet und trifft –hochaktuell- sowohl Handelsriesen als auch den freundlichen Laden von nebenan. Die jüngsten Schlagzeilen über die Insolvenzen von renommierten Unternehmen macht dies deutlich. Keinem geht es richtig gut -oder?

Doch es gibt sie noch, die krisenfesten Einzelhändler von nebenan. Warum geht es diesen Händlern gut oder warum haben sie in der Krise scheinbar nicht die gleichen Probleme wie viele andere?

Um diese Frage zu beantworten, muss man den Verlauf einer Unternehmenskrise kennen.

Mit zunehmender Erfolglosigkeit nimmt der Handlungsdruck zu und der Handlungsspielraum ab. Der Zeitraum der Krise dauert unserer Praxiserfahrung nach in der Regel 1 bis 1,5 Jahre. Wobei der Krisenverlauf nicht stetig ist, sondern mit Aufs und überwiegend Abs gekennzeichnet ist. Nach Aufs (schönes Umsatzplus in einem Monat) keimt das Prinzip Hoffnung auf und wird durch mehrmonatiges Minus wieder zunichte gemacht. Das Hoffnungsprinzip hindert die Handlung. Wenn es letztlich zu einer Liquiditätskrise kommt, beherrscht Aktionismus die Szene. Die Maßnahmen Umfinanzierung und Kostenreduktion gelten häufig als Allheilmittel. Zur Liquiditätsschaffung wird der Räumungsverkauf herangezogen. Alle diese Maßnahmen helfen erfahrungsgemäß nur kurzfristig.


Ursachenanalyse anstatt Symptombekämpfung!

Der häufigste Fehler einer Sanierung bzw. Krisenbeseitigung ist die fehlende Ursachenanalyse. Es wird in der Regel nur das Symptom bearbeitet. Über kurz oder lang kommt es unweigerlich zur nächsten Krise. Die Handlungsoptionen nehmen in der Regel weiter ab und über 70 % der Unternehmen können nicht mehr gerettet werden.

In den meisten Fällen wird vergessen, dass eine Unternehmenskrise immer ihren Anfang in der Strategiekrise nimmt.

Von daher ist eine permanente Überprüfung der eigenen Strategie unabdingbar. Der heutige Markt erfordert andere Maßnahmen wie noch vor 10 oder 5 Jahren. Die wirtschaftlichen Zyklen von konjunkturellen Hochs und Tiefs werden immer kürzer. Die Strategie, jede Zielgruppe zu bedienen und alle Warengruppen vorrätig zu haben, hat keine Zukunft.

Von elementarer Bedeutung sind die 3 Fragen, die sich jeder Händler stellen sollte:
  • Warum kauft der Kunde bei mir?
  • Wie unterscheide ich mich von meinen Mitbewerbern?
  • Würden mein Markt und mein Kunde etwas vermissen, wenn es mein Unternehmen morgen nicht mehr gäbe?

Können Sie als Händler alle drei Fragen zügig beantworten? Wenn nicht, haben Sie ein Problem, welches Sie schnell lösen sollten!

Die Beratungspraxis zeigt, dass Hilfe erst dann in Anspruch genommen wird, wenn der Handlungsdruck unerträglich wird. Dieser Zeitpunkt ist erfahrungsgemäß in vielen Fällen zu spät und die Wiederbelebung gelingt in den seltensten Fällen.

Über 80% der Unternehmen werden wegen fehlender Liquidität und nicht wegen mangelndem Ertrag abgewickelt (aus unserer Praxiserfahrung heraus)

Ursachen sind unter anderem:
  • Permanent wachsende Warenbestände aus den verschiedensten Gründen
  • Falsche Finanzierungsstruktur: in der Regel zu kurzfristig
  • Hohe Entnahmen
  • Investitionen über Kontokorrent usw.

Folglich reicht der Cash Flow nicht aus, um den Kapitaldienst und die Entnahmen zu bedienen und letztlich steht das Eigenkapital auf der falschen Bilanzseite.

Die Bilanzpolitik verwässert unter Umständen die Sicht und wiegt den Unternehmer bei der Beurteilung der aktuellen Geschäftsentwicklung in falscher Sicherheit.
Als zusätzlicher Hemmschuh wirkt sich seit Beginn der Ratingpraxis die Zugeknöpftheit der Banken in der Kreditvergabe aus.


Gegensteuern durch Frühwarnsysteme
Die Integration eines Frühwarnsystems in Form von Controlling wird immer wichtiger. Je früher Fehlentwicklungen zu erkennen sind, umso mehr Handlungsoptionen hat der Unternehmer zur Korrektur. Die Devise heißt: agieren anstatt reagieren. Sollten das erforderliche Know How und die entsprechenden Instrumente fehlen oder unzureichend sein, kann dies heute günstig zu- oder eingekauft werden. Jedes Frühwarnsystem ist preiswerter als der Sanierungsfall!


Fazit:
Krisenmanagement beginnt vor der Krise:
Ein Unternehmen kann nur mit einer strategischen Ausrichtung überleben. Die Stärken des Unternehmens müssen sich an der Frage messen lassen: „Wofür steht mein Unternehmen?“ Bin ich am Markt mit meinem Standort und meiner Zielgruppenprofilierung klar und optimal positioniert?

Installation eines Frühwarnsystems hilft frühzeitig Schwachstellen aufzudecken und an den Ursachen zu arbeiten.

Und wenn die Krise dann eintritt:
Kein Aktionismus, sondern Suche nach den Ursachen und Aufstellen von entsprechenden Handlungsoptionen. Wenn notwendig sich die entsprechenden Experten holen.


Sigrid & Helmut Wies